Vor etlichen Jahren las ich mal in der Brigitte einen Artikel, dessen Inhalt ich seither schon etliche Male empfohlen habe (der Artikel ist immer noch online verfügbar: „Warum schnelle Lösungen nicht immer gut sind“ von Oskar Holzberg). Und zwar geht es dabei um die Frage, was mein Gegenüber gerade braucht, welches Bedürfnis also vorliegt: eher Rotwein oder eher Blaumann?
Wir leben in einer sehr lösungsorientierten Welt: Wenn wir ein Problem haben, suchen wir unmittelbar nach einer Strategie zu dessen Lösung. Und so sind wir auch bei unseren Mitmenschen schnell dabei, Lösungen vorzu“schlagen“, in einer guten Absicht und der Hoffnung, dass es der Person dann wieder besser geht.
Dabei lassen wir jedoch die Gefühle der anderen Person außen vor. Sobald ich eine Lösung anbiete, sende ich die Botschaft: „Es gibt eine einfache Lösung, ist doch nicht so schlimm“. Mein Gegenüber fühlt sich dann möglicherweise nicht gesehen, vielleicht sogar beschämt und unfähig. In solchen Momenten braucht es eigentlich etwas anderes, nämlich Empathie, Verständnis und Mitgefühl.
Diejenigen, denen das schwerfällt, dürfen sich bewusst machen, dass auch Einfühlung eine Handlung ist.
„Blaumann“ bedeutet anpacken und Lösung suchen, „Rotwein“ hingegen hinsetzen, zuhören, verstehen und mitfühlen. Je nach Situation haben wir das ein oder andere Bedürfnis.
Daher lohnt es sich, mein Gegenüber zunächst zu fragen, was er oder sie braucht. Ebenso dürfen wir aktiv äußern, welches Bedürfnis wir in der Situation haben. So ersparen wir uns viel Frust.
Häufig ist es auch ein Nacheinander: erst wenn mein Bedürfnis nach Verständnis und Mitgefühl ausreichend erfüllt worden ist (wenn ich also richtig satt davon bin), dann bin ich motiviert, über aktive Lösungsideen nachzudenken. In der Therapie ist es ganz genauso.

